Das jüngere Gebetbuch Kaiser Karls V.

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. n. 13.251, Flandern, nach 1540
Ausstattung:
Entstehungszeit des Codex: nach 1540, Flandern.
Faksimile:
Graz 1993. Vollständige farbige Faksimile-Ausgabe der 248 Seiten im Originalformat 140 x 75 mm. 3 ganzseitige Titelbilder, 2 astronomische Uhren, 2 Vignetten, 73 Miniaturen in Grisailletechnik mit Goldhöhungen und 429 Initialen. Alle Blätter sind originalgetreu randbeschnitten. Einband: roter Samt.

Kommentarband:
Graz 1993. Einführung von Otto Mazal, Wien. 112 Seiten, 14,3 x 20,3 cm, Leinen.
Faksimile und Kommentarband in einer Kassette.
Limitierte Auflage: 980 handnummerierte Exemplare.
Auf Anfrage

Das jüngere Gebetbuch Kaiser Karls V. – rund zwei Jahrzehnte nach dem älteren entstanden und mit seiner italianisierenden Ausstattung und der radikal veränderten Farbgebung von diesem grundverschieden – gehört zu den kostbaren Denkmälern der Spätphase der flämischen Buchmalerei.
Inhaltlich umfasst das Gebetbuch all jene kanonischen Texte, die für den Aufbau eines Stundenbuches kennzeichnend sind. Um den Kern – das Marienoffizium – sind u.a. ein Kalender, Evangelienperikopen, Ablassgebete, Gebete zu den Heiligen, Offizium zum Hl. Kreuz und ein Totenoffizium gruppiert.
Die für die Wiedergabe des Textes gewählte Humanistica formata, eine die Druckantiqua nachahmende Renaissance-Schrift, bildet mit den formalen Elementen des übrigen Buchschmucks eine selten erreichte stilistische Einheit.
 

Faszinierende Miniaturen in Gold und Grisaille

Der Gesamtcharakter des Gebetbuches wird entscheidend bestimmt von seiner künstlerischen Ausstattung. Zu ihr gehören neben dem kalligraphischen Text 429 Initialen, 3 ganzseitige Titelbilder, 2 astronomische Uhren, 2 Vignetten und insgesamt 73 Miniaturen.
Sämtliche Schmuckelemente und Miniaturen sind in dunkler Grisalletechnik ausgeführt, wobei feine Hell-Dunkel-Abstufungen sowie Weiß- und Goldhöhungen der monochromen Malerei plastisches Leben verleihen.
Den Text beleben rote Überschriften und Gebetsbezeichnungen sowie fallweise rote Majuskeln. Zahlreich sind die Initialen, die in der Höhe von zwei Textzeilen vor die entsprechenden Gebetstexte gestellt erscheinen. Es handelt sich um geschnittene Buchstaben nach dem Muster der epigraphischen Capitalis. Die grauen Buchstaben stehen auf schwarzem Grund, der teilweise mit Goldsand gefüllt ist und von Goldlinien gerahmt wird.
Den figuralen Schmuck bilden drei ganzseitige Titelbilder, zwei Rotulae, zwei Vignetten, 21 meist halbseitige und 52 kleinere Miniaturen. Die Bilder sind in plastisch profilierte Rahmen, die aus braunen und goldenen Leisten gebildet werden, einkomponiert.

Die Bebilderung lehnt sich in Themenwahl und fallweise in kompositorischen Details an den Illustrationszyklus des älteren Gebetbuches Karls V. an. Allerdings ist der Stil grundsätzlich ein anderer. Gegenüber der im flämischen Stil zwischen 1516 und 1519 gehaltenen Ausstattung des älteren Gebetbuches sind hier die Bilder von italienischen Meistern beeinflusst; diese italianisierende Note bildet den wesentlichen Unterschied der beiden Gebetbücher. Dazu kommt eine radikale Änderung im Kolorit, insofern, als die Miniaturen des jüngeren Gebetbuches in dunkler Grisalletechnik gehalten sind und durch Goldhöhungen aufgelichtet werden.

Mit dem jüngeren Gebetbuch Karls V. gilt es, eine für viele vielleicht überraschende Facette der flämischen Buchmalerei zu entdecken. Die reduzierte Üppigkeit des Dekors und das zurückgenommene Kolorit verleihen dem Werk einen vornehmen Charakter, der einem Gebetbuch für einen Kaiser in seinen reifen Jahren durchaus angemessen erscheint.